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Männliche und weibliche Hormone?

23. März
3 Min. Lesezeit

Wie Wissenschaft Geschlecht mitgeformt hat

Wenn wir von Hormonen sprechen, klingt vieles erstaunlich eindeutig.

Östrogen gilt als weibliches Hormon. Testosteron als männliches. Das eine gehört zum weiblichen Körper, das andere zum männlichen. So selbstverständlich, dass man sich kaum fragt, woher diese Zuordnung eigentlich kommt.

Aber was, wenn diese Kategorien nicht einfach in der Natur vorgefunden wurden?

Genau dieser Frage bin ich beim Lesen von Nelly Oudshoorns Beyond the Natural Body begegnet. Ihre Geschichte der Sexualhormone zeigt, wie eng wissenschaftliche Erkenntnisse, technische Möglichkeiten, gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht und institutionelle Strukturen miteinander verbunden sind. Und plötzlich wird die Geschichte der Hormone zu einer Geschichte darüber, wie wir Geschlecht wissenschaftlich denken.


Am Anfang stand die Vorstellung von zwei Geschlechtern

Als das Konzept der Hormone Anfang des 20. Jahrhunderts entstand, war die Vorstellung von zwei klar getrennten Geschlechtern gesellschaftlich und wissenschaftlich tief verankert.

Die Forschung suchte entsprechend nach den biologischen Grundlagen dieser Unterscheidung.

Die Idee lag nahe: Wenn Männer und Frauen biologisch verschieden sind, müsste es doch auch Stoffe geben, die diese Verschiedenheit erklären.

So entstand die Vorstellung von „männlichen“ und „weiblichen“ Sexualhormonen.

Das Interessante daran ist nicht, dass Forschende Unterschiede untersuchen wollten. Unterschiede gibt es selbstverständlich. Interessant ist vielmehr, welche Kategorien sie dabei verwendeten und welche Fragen dadurch überhaupt gestellt wurden. Denn die Forschung begann nicht mit einem vollkommen unvoreingenommenen Blick auf einen unbekannten Körper. Sie hatte bereits Vorstellungen davon, was ein männlicher und was ein weiblicher Körper sein sollte.


Und dann passte die Biologie nicht mehr ganz zur Theorie

Mit zunehmender Forschung zeigte sich nämlich etwas, das die ursprüngliche Zweiteilung komplizierter machte. Die sogenannten „weiblichen“ Hormone fanden sich auch in männlichen Körpern. Und umgekehrt konnten „männliche“ Hormone auch in weiblichen Organismen nachgewiesen werden.

In den 1920er- und 1930er-Jahren wurde damit zunehmend deutlich, dass Sexualhormone keineswegs so strikt auf ein Geschlecht verteilt waren, wie es die ursprüngliche Vorstellung nahegelegt hatte. Die Endokrinologie bewegte sich schließlich in Richtung einer Vorstellung von relativer statt absoluter Geschlechtsspezifität. Das ist für mich der spannendste Moment dieser Geschichte: Die Forschung entdeckte nicht einfach eine bereits vollständig ausformulierte biologische Zweigeschlechtlichkeit.

Sie musste ihre eigenen Kategorien verändern, weil die untersuchten Körper nicht vollständig in diese Kategorien passten.


Aber warum blieben die Begriffe bestehen?

Obwohl sich die wissenschaftliche Vorstellung veränderte, verschwanden die Begriffe „männliche“ und „weibliche“ Hormone nicht einfach. Das zeigt, dass wissenschaftliche Kategorien nicht nur davon abhängen, was gemessen wird. Sie hängen auch davon ab, wie Forschung organisiert ist, welche Institutionen existieren, welche Fachgebiete zuständig sind und welche Vorstellungen bereits etabliert sind. Oudshoorn zeigt beispielsweise, dass die frühe Sexualhormonforschung stark durch vorhandene medizinische Strukturen geprägt war. Für die weibliche Reproduktion existierte mit der Gynäkologie bereits ein institutionell etabliertes Fachgebiet. Für männliche Reproduktion gab es kein vergleichbares Gegenstück. Dadurch wurde der weibliche Körper zu einem besonders wichtigen Forschungsgegenstand der entstehenden Hormonforschung.

Auch die benötigten Forschungsmaterialien spielten eine Rolle. Welche Körper, Organe, Urinproben oder Gewebe überhaupt verfügbar waren, beeinflusste nicht nur die Organisation der Forschung, sondern auch ihre wissenschaftliche Entwicklung. Wissenschaft findet also nicht im luftleeren Raum statt.

Sie braucht Labore, Institutionen, Materialien, Geld, Fachgebiete, Technologien – und Menschen mit bestimmten Vorstellungen darüber, welche Fragen relevant sind.


Wissenschaft beschreibt nicht nur – sie produziert auch Kategorien

Genau hier wird die Geschichte der Hormone für mich zu einer größeren wissenschaftstheoretischen Frage. Natürlich bedeutet das nicht, dass Hormone „erfunden“ wurden und deshalb nicht real wären.

Östrogen, Testosteron und andere Hormone sind reale biochemische Substanzen.

Aber die Bedeutung, die wir ihnen geben, ist nicht einfach in den Molekülen selbst enthalten.

Die Frage, ob ein Hormon als „weiblich“ oder „männlich“ bezeichnet wird, ist bereits eine Interpretation. Oudshoorn interessiert deshalb weniger die einfache Gegenüberstellung von „Natur“ und „Gesellschaft“ als die Prozesse, durch die etwas wissenschaftlich zu einer natürlichen Tatsache wird. Ihr Argument ist gerade, dass der „hormonale Körper“ durch wissenschaftliche und technische Praktiken seine Selbstverständlichkeit erhält. Die Art, wie wir Natur ordnen, benennen und interpretieren, ist eben nicht neutral.


Was wäre gewesen, wenn andere Fragen gestellt worden wären?

Was wäre passiert, wenn andere Menschen diese Forschung früher geprägt hätten?

Wenn mehr Frauen beteiligt gewesen wären? Wenn andere Körper stärker untersucht worden wären? Wenn die Forschung nicht von einer so selbstverständlich angenommenen Zweigeschlechtlichkeit ausgegangen wäre? Welche Perspektiven bestimmen, welche Fragen überhaupt gestellt werden?

Genau hier treffen sich Oudshoorn, Donna Haraway und Evelyn Fox Keller. Haraway kritisiert die Vorstellung eines Wissens, das von nirgendwo aus auf die Welt blickt. Keller untersucht, wie Vorstellungen von Geschlecht und Vorstellungen von Wissenschaft historisch miteinander verwoben sind. Und Oudshoorns Hormongeschichte zeigt diese Problematik an einem sehr konkreten Beispiel.


Literaturtipps

  • Nelly Oudshoorn: Beyond the Natural Body. An Archaeology of Sex Hormones

  • Donna Haraway: Situated Knowledges

  • Donna Haraway: The Science Question in Feminism

  • Evelyn Fox Keller: The Gender/Science System

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