Wenn Dinge mitdenken
Was Korallen, Schlüssel und andere Artefakte über unsere Welt verraten
Ein Schlüssel ist ein Schlüssel. Man steckt ihn ins Schloss, dreht ihn herum und öffnet eine Tür.
Viel mehr gibt es darüber eigentlich nicht zu sagen. Oder vielleicht doch? Bruno Latour würde vermutlich genau hier anfangen.
In seinem Text über den Berliner Schlüssel nimmt er einen ziemlich unspektakulären Gegenstand und macht daraus eine soziologische Frage: Was passiert, wenn wir nicht nur Menschen als Handelnde betrachten, sondern auch die Dinge, mit denen sie verbunden sind? Der Berliner Schlüssel ist so konstruiert, dass man ihn nach dem Aufschließen nicht einfach mitnehmen kann. Wer durch die Tür geht, muss sie von der anderen Seite wieder abschließen, bevor der Schlüssel entnommen werden kann. Ein bestimmtes Verhalten ist damit gewissermaßen in den Gegenstand eingebaut. Und plötzlich ist der Schlüssel nicht mehr einfach nur ein Schlüssel. Er wird zu einem kleinen Stück Sozialtheorie.
Dinge können Verhalten mitgestalten
Der interessante Punkt bei Latour ist, dass ein Schlüssel dazu beiträgt, was Menschen tun. Eine soziale Regel wie „Schließe die Tür hinter dir ab“ muss nicht unbedingt auf einem Schild stehen oder von einem Menschen ausgesprochen werden. Sie kann in einem Artefakt materialisiert sein. Der Gegenstand übernimmt gewissermaßen einen Teil der sozialen Ordnung. Das ist ein zentraler Gedanke der Science and Technology Studies: Technologien sind nicht nur Werkzeuge, die wir nach Belieben benutzen. Sie strukturieren Möglichkeiten. Sie erleichtern bestimmte Handlungen, erschweren andere und machen manche überhaupt erst möglich. Das gilt für einen Berliner Schlüssel genauso wie für einen Fahrkartenautomaten, eine Ampel, einen Algorithmus oder ein Smartphone.
Technik ist damit nicht einfach neutral. Sie vermittelt.
Der Berliner Schlüssel als kleines Gedankenexperiment
Man kann das an einem ganz einfachen Beispiel ausprobieren. Stell dir zwei Türen vor.
Auf der ersten steht: „Bitte nach dem Verlassen abschließen.“ Auf der zweiten gibt es einen Berliner Schlüssel, der dich faktisch dazu zwingt. Die soziale Erwartung ist dieselbe. Aber sie wird unterschiedlich umgesetzt. Einmal über Sprache, einmal über Material. Das finde ich für Kommunikation besonders interessant. Denn wir denken bei Kommunikation meistens an Wörter, Bilder oder Medien. Aber auch Dinge können Botschaften gewissermaßen materialisieren. Sie sagen nicht unbedingt etwas. Sie bringen uns dazu, etwas zu tun. Und genau darin liegt ihre kommunikative und soziale Wirkung.
Vom Schlüssel zur Welt der Artefakte
Damit lässt sich ein weiterer Begriff aus der Science and Technology Studies verstehen: Artefakte.
Ein Artefakt ist vereinfacht gesagt ein von Menschen hervorgebrachtes, gestaltetes oder technisch geformtes Ding. Aber die spannende Frage ist nicht nur: Wer hat es hergestellt? Sondern: Was macht es, wenn es einmal da ist? Ein Stuhl ermöglicht eine bestimmte Körperhaltung. Eine Straße legt Bewegungsrichtungen nahe. Eine Tür trennt Räume. Eine Softwareoberfläche macht manche Optionen sichtbar und andere unsichtbar. Ein Formular entscheidet mit darüber, welche Informationen überhaupt abgefragt werden. Ein Algorithmus sortiert eine Auswahl. Artefakte sind deshalb nie vollkommen außerhalb sozialer Zusammenhänge. Sie sind Teil davon.
Susan Leigh Star: Dinge verbinden unterschiedliche Welten
Hier kommt Susan Leigh Star ins Spiel. Star interessiert sich unter anderem dafür, wie Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Arbeitsweisen gemeinsam handeln können. Ihr bekanntestes Konzept dafür sind die boundary objects – Grenzobjekte. Gemeint sind Dinge oder Darstellungen, die von verschiedenen sozialen Gruppen verwendet werden können, obwohl diese Gruppen nicht unbedingt dasselbe darunter verstehen. Das Spannende daran: Ein solches Objekt muss gleichzeitig flexibel genug sein, um unterschiedlich interpretiert zu werden, und stabil genug, um eine gemeinsame Bezugnahme zu ermöglichen. Ein Beispiel könnte eine wissenschaftliche Sammlung sein. Für Forschende ist sie ein Datensatz. Für eine Verwaltung vielleicht ein Bestand, der organisiert werden muss. Für ein Museum ein Vermittlungsobjekt. Für interessierte Laien etwas, das Wissen zugänglich macht. Das Objekt ist nicht für alle dasselbe. Aber es ermöglicht trotzdem Zusammenarbeit.
Das finde ich als Ergänzung zu Latour spannend
Latour fragt: Was tun Dinge? Star fragt stärker: Wie ermöglichen Dinge Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen sozialen Welten? Das sind nicht dieselben Fragen. Aber sie ergänzen sich.
Der Berliner Schlüssel zeigt, wie ein Artefakt Verhalten strukturieren kann. Star zeigt, wie Objekte, Klassifikationen und Infrastrukturen soziale Welten miteinander verbinden können. Und beide Perspektiven helfen dabei, eine Vorstellung zu überwinden, die im Alltag ziemlich selbstverständlich ist:
Dass die soziale Welt ausschließlich aus Menschen besteht und Dinge lediglich Kulisse sind.
Und dann kommt Eva Hayward – und der Körper wird selbst zum Ort des Wissens
Genau hier wird es für mich besonders interessant. Denn Eva Haywards Text Fingeryeyes verschiebt die Perspektive noch einmal. Hayward arbeitet mit Korallen und beschreibt ihre Begegnung mit ihnen nicht als klassische Beobachtung aus sicherer Distanz. Sie entwickelt dafür den Begriff „fingeryeyes“ – eine Verbindung von Sehen und Tasten, von Wahrnehmung und Berührung. Ihre Korallenforschung wird dadurch zu einer Frage danach, wie Wissen überhaupt entsteht, wenn unterschiedliche Körper, Sinne und Arten miteinander in Kontakt kommen: Die Koralle ist nicht einfach ein passives Forschungsobjekt.
Sie reagiert. Sie hat eigene sensorische Fähigkeiten. Sie verändert sich. Sie beeinflusst die Situation, in der sie untersucht wird. Und damit verändert sich auch die Position der Forschenden.
Wissen entsteht durch Begegnung
Hayward beschreibt ihr Arbeiten mit den Korallen als eine Form von verkörpertem Wissen.
Nicht nur: Ich sehe die Koralle. Sondern: Ich berühre sie, sie reagiert, ich verändere meine Wahrnehmung, sie verändert meine Aufmerksamkeit – und aus dieser Begegnung entsteht Wissen. Das ist eine ziemlich radikale Verschiebung. Denn klassisches wissenschaftliches Denken verbindet Wissen häufig mit Distanz. Das Objekt soll möglichst unbeeinflusst beobachtet werden.
Hayward fragt dagegen, was wir erkennen können, wenn wir die Beziehung selbst ernst nehmen.
Nicht nur das Objekt. Nicht nur das Subjekt. Sondern das Dazwischen.
Das erinnert mich an Haraway
Hier schließt sich für mich der Kreis zu Donna Haraways Situated Knowledges.
Wenn Wissen immer situiert ist, dann bedeutet das auch: Wissen entsteht nicht aus einem körperlosen Blick von nirgendwo. Es entsteht durch konkrete Beziehungen. Durch Körper. Durch Instrumente. Durch Tiere und Pflanzen. Durch technische Apparaturen. Durch Räume. Durch Sprache. Durch Kategorien.
Durch Berührung. Hayward macht diese theoretische Überlegung körperlich erfahrbar. Ihre „fingeryeyes“ sind deshalb für mich fast eine kleine Metapher dafür, was situierte Wissensproduktion bedeuten kann: Wir erkennen die Welt nicht nur mit den Augen. Wir erkennen sie, indem wir mit ihr in Beziehung treten.
Und dann sind wir wieder beim Schlüssel
Vielleicht ist genau deshalb der Berliner Schlüssel ein so gutes Beispiel. Er ist kein Lebewesen.
Er „denkt“ nicht. Er hat keine Absichten. Und trotzdem verändert er menschliches Handeln.
Die Koralle wiederum ist ein Lebewesen und nimmt ihre Umwelt aktiv wahr. Sie ist aber gleichzeitig Forschungsobjekt. Zwischen beiden liegen Welten. Und trotzdem zeigen beide etwas Ähnliches: Was wir tun, entsteht nicht allein aus unseren Absichten. Unsere Handlungen entstehen in Beziehungen zu Dingen, Körpern, Technologien und anderen Lebewesen. Der Schlüssel verändert unser Handeln.
Die Koralle verändert unsere Wahrnehmung. Das Messgerät verändert, was wir messen können.
Die Kamera verändert, was wir sehen. Die Software verändert, welche Optionen wir wahrnehmen.
Das Formular verändert, welche Informationen wir angeben.
Artefakte sind nicht neutral – aber auch nicht allmächtig
Dabei ist mir eine Einschränkung wichtig. Zu sagen, dass Dinge Handlungsmöglichkeiten strukturieren, bedeutet nicht, dass sie Menschen vollständig bestimmen. Der Berliner Schlüssel zwingt mich in einem bestimmten Sinn zu einer Handlung – aber ich kann den Schlüssel trotzdem anders behandeln, das Schloss verändern oder die Tür umgehen. Auch Technologien funktionieren nie völlig unabhängig von ihren Nutzern, Institutionen und sozialen Kontexten. Genau deshalb finde ich den Gedanken der Vermittlung hilfreich.
Literaturtipps
Eva Hayward: Fingeryeyes: Impressions of Cup Corals
Donna Haraway: Situated Knowledges
Donna Haraway: A Cyborg Manifesto
Bruno Latour: The Berlin Key or How to Do Words with Things
Susan Leigh Star & James R. Griesemer: Institutional Ecology, “Translations” and Boundary Objects
Susan Leigh Star: This is Not a Boundary Object
Karen Barad: Arbeiten zu Materialität, Relationalität und agential realism
Evelyn Fox Keller: The Gender/Science System




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