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Wer sieht eigentlich die Welt?

21. Jan.
4 Min. Lesezeit

Warum Wissen immer einen Standpunkt hat

Woher wissen wir eigentlich, was wir wissen? Auf den ersten Blick scheint die Antwort klar. Wir beobachten. Wir messen. Wir vergleichen. Wir sammeln Daten. Wir ziehen Schlussfolgerungen. Wissenschaft versucht schließlich, möglichst objektiv zu sein. Aber was bedeutet „objektiv“ eigentlich?

Donna Haraway stellt diese Vorstellung in ihrem berühmten Essay Situated Knowledges grundlegend infrage. Nicht indem sie behauptet, dass alles nur subjektive Meinung sei. Sondern indem sie eine anspruchsvollere Vorstellung von Objektivität entwickelt: Wissen ist immer situiert. Es entsteht aus einer bestimmten Position, mit bestimmten Perspektiven, Körpern, Technologien, Interessen und Bedingungen.


Der Blick von nirgendwo

Haraway kritisiert das, was sie als „God Trick“ bezeichnet: die Vorstellung eines allwissenden, körperlosen Blicks, der von nirgendwo aus alles gleichzeitig sehen kann. Ein solcher Blick wäre vollkommen objektiv. Er hätte keinen Körper. Keine Geschichte. Keine Interessen. Keine Perspektive.

Genau das ist natürlich eine Illusion. Denn Menschen forschen von bestimmten Orten aus. Mit bestimmten Instrumenten. In bestimmten Institutionen. Mit bestimmten Fragestellungen. Und sie bringen ihre eigenen Erfahrungen und gesellschaftlichen Positionen mit. Das bedeutet nicht, dass wissenschaftliche Erkenntnisse deshalb beliebig wären. Es bedeutet vielmehr, dass Objektivität nicht daraus entsteht, den eigenen Standpunkt zu verleugnen. Vielleicht entsteht sie gerade dadurch, ihn sichtbar zu machen.


Partial Perspective statt Allwissen

Haraway schlägt deshalb die Idee einer partial perspective vor: einer begrenzten, aber verantwortbaren Perspektive. Das Wort „partial“ bedeutet nicht einfach „subjektiv“. Es bedeutet: Ich sehe einen Ausschnitt. Ich sehe nicht alles. Und gerade weil ich das weiß, kann ich mich fragen, was mir möglicherweise entgeht. Damit wird Begrenztheit nicht zum Fehler, sondern zur Voraussetzung für verantwortungsvolles Wissen. Ein Beispiel:

Wenn ich einen Berg fotografiere, kann ich ihn aus zehn verschiedenen Perspektiven fotografieren.

Keine dieser Fotografien ist „der Berg“. Aber deshalb ist nicht jede Aufnahme gleich gut oder gleich schlecht. Die Perspektiven zeigen unterschiedliche Dinge. Die eine macht den Höhenunterschied sichtbar, die andere die Vegetation, eine dritte vielleicht die Spuren menschlicher Nutzung. Erst wenn ich die Perspektiven miteinander in Beziehung setze, entsteht ein umfassenderes Bild.

Für Haraway funktioniert Wissen ähnlich.


Objektivität bedeutet dann etwas anderes

Diese Vorstellung verändert auch den Begriff der Objektivität. Objektivität bedeutet nicht mehr: Ich habe keinen Standpunkt. Sondern eher: Ich weiß, dass ich einen Standpunkt habe – und mache ihn nachvollziehbar. Das ist für mich eine überraschend moderne Vorstellung von Wissenschaft.

Denn sie verbindet Objektivität mit Verantwortung. Wer etwas behauptet, sollte nicht nur sagen können, was er oder sie behauptet. Sondern auch:

  • Wie wurde dieses Wissen erzeugt?

  • Mit welchen Methoden?

  • Aus welcher Perspektive?

  • Welche Dinge wurden sichtbar?

  • Welche blieben unsichtbar?

  • Welche Kategorien wurden verwendet?

  • Und wer war überhaupt Teil dieses Wissensprozesses?

Haraway spricht deshalb von einer accountable objectivity – einer verantwortlichen Form von Objektivität.


Was das mit Geschlecht zu tun hat

Haraways Überlegungen entstehen nicht zufällig im Kontext feministischer Wissenschaftskritik.

Denn gerade an der Geschichte wissenschaftlicher Forschung lässt sich beobachten, wie bestimmte Perspektiven lange als universell galten. Der männliche Körper konnte als Norm erscheinen.

Weibliche Körper wurden als Abweichung oder als Sonderfall untersucht. Bestimmte Forschungsfragen wurden als selbstverständlich betrachtet, andere gar nicht erst gestellt. Dabei geht es nicht nur darum, ob einzelne Forschende Vorurteile hatten. Es geht um etwas Strukturelleres: Welche Perspektive wird zur allgemeinen Perspektive erklärt? Genau hier wird Haraways Kritik für mich besonders relevant.

Denn wenn eine bestimmte Position jahrzehntelang als „neutral“ gilt, fällt irgendwann gar nicht mehr auf, dass es überhaupt eine Position ist.


Das lässt sich auch auf die Hormongeschichte übertragen

Beim Lesen von Nelly Oudshoorn wurde dieser Gedanke für mich besonders greifbar.

Die Geschichte der Sexualhormonforschung zeigt, wie wissenschaftliche Kategorien mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlecht verbunden waren. Die Forschung untersuchte reale biologische Prozesse – aber sie tat dies innerhalb bestimmter historischer und institutioneller Strukturen.

Haraway liefert dafür gewissermaßen die erkenntnistheoretische Perspektive. Oudshoorn zeigt: So kann eine Kategorie entstehen. Haraway fragt: Aus welcher Position heraus wird eine solche Kategorie überhaupt zu Wissen? Zusammen wird daraus eine ziemlich spannende Frage nach Wissenschaft.


Wissen ist nicht nur im Kopf

NWissen entsteht nicht ausschließlich im Kopf eines einzelnen Menschen. Es ist relational. Es entsteht in Beziehungen zwischen Menschen, Dingen, Technologien, Institutionen, Körpern und anderen Lebewesen. Damit führt der Gedanke bereits in Richtung dessen, was mich an Science and Technology Studies besonders interessiert: Vielleicht ist Wissen weniger ein fertiges Produkt, das jemand besitzt. Vielleicht ist es eher ein Prozess des In-Beziehung-Tretens.

  • Wir beobachten etwas.

  • Wir benutzen ein Messgerät.

  • Wir entwickeln Kategorien.

  • Wir sprechen darüber.

  • Andere überprüfen unsere Ergebnisse.

  • Institutionen übernehmen bestimmte Begriffe.

  • Technologien verändern wiederum, was überhaupt sichtbar oder messbar wird.

Wissen entsteht also in einem Geflecht.


Das bedeutet nicht: Alles ist relativ

An dieser Stelle wird Haraway manchmal missverstanden. Wenn Wissen situiert ist, könnte man denken:

Dann ist eben jede Perspektive gleich gültig. Aber genau das sagt sie nicht. Haraway grenzt sich sowohl von einem totalisierenden Objektivismus als auch von einem radikalen Relativismus ab. Beide versprechen auf ihre Weise eine unmögliche Gleichheit aller Perspektiven: entweder durch einen Blick von überall und nirgendwo oder durch die Annahme, dass keine Perspektive mehr begründbar besser sein kann. Eine situierte Perspektive ist dagegen begründungspflichtig. Sie muss sich ihrer eigenen Bedingungen bewusst sein. Sie muss andere Perspektiven zulassen. Und sie muss sich daran messen lassen, wie gut sie die Welt tatsächlich beschreibt.


Vielleicht ist das sogar eine Stärke von Wissenschaft

Was ich aus diesen Texten deshalb mitnehme, ist keine grundsätzliche Skepsis gegenüber Wissenschaft.

Eher das Gegenteil. Ich glaube, Wissenschaft wird interessanter, wenn wir sie nicht als vollkommen neutralen Blick auf die Welt verstehen, sondern als eine Praxis, in der Menschen versuchen, möglichst verlässliches Wissen zu erzeugen – unter Bedingungen, die selbst untersucht werden können.

Das macht Wissen nicht wertlos. Es macht es verantwortlicher. Denn wer weiß, dass der eigene Blick begrenzt ist, kann andere Blicke suchen. Und vielleicht entsteht Objektivität dann nicht dadurch, dass wir alle denselben Blick haben. Sondern dadurch, dass wir lernen, mehrere begrenzte Blicke miteinander ins Gespräch zu bringen.


Literaturtipps

  • Donna Haraway: Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective

  • Donna Haraway: The Science Question in Feminism

  • Donna Haraway: A Cyborg Manifesto

  • Evelyn Fox Keller: The Gender/Science System

  • Nelly Oudshoorn: Beyond the Natural Body

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