Was Fridays for Future über politische Kommunikation gezeigt hat
Wie aus einem Schulstreik eine internationale Bewegung wurde – und was ich dabei über politische Partizipation, Mobilisierung und Kommunikation gelernt habe.
Politische Beteiligung sieht heute anders aus als früher.
Natürlich gibt es weiterhin Wahlen, Parteien, Mitgliedschaften und klassische Formen politischer Mitarbeit. Aber politische Teilhabe kann auch bedeuten, mit anderen auf die Straße zu gehen, eine Petition zu unterschreiben, sich online zu organisieren oder über soziale Medien Aufmerksamkeit für ein Thema zu schaffen.
Ein Projekt aus meinem Studium 2022 hat mich genau mit dieser Frage beschäftigt: Wie schaffen es Bewegungen wie Fridays for Future, Menschen zu mobilisieren – und politische Themen auf die öffentliche und politische Agenda zu setzen? Damals habe ich mich gemeinsam mit Luca intensiv mit Fridays for Future auseinandergesetzt. Wir haben daraus einen Audio-Podcast entwickelt und uns dabei aus zwei Perspektiven genähert: politische Partizipation und politische Kommunikation.
Von einem Schulstreik zur internationalen Bewegung
Als Greta Thunberg im August 2018 vor dem schwedischen Parlament für mehr Klimaschutz protestierte, war zunächst kaum abzusehen, welche Dynamik daraus entstehen würde.
Aus einem einzelnen Schulstreik entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit eine internationale Bewegung. Demonstrationen, Klimastreiks, Klimacamps, Public Climate Schools und zahlreiche lokale Gruppen machten Fridays for Future sichtbar – und vor allem: Sie machten Klimaschutz zu einem Thema, an dem sich Menschen beteiligen konnten.
Genau dieser Punkt war für unser Projekt besonders interessant.
Denn Fridays for Future war nicht einfach nur eine Organisation, die Informationen über den Klimawandel verbreitete. Die Bewegung bot Menschen konkrete Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden.
Man konnte demonstrieren, Veranstaltungen organisieren, Inhalte teilen, lokale Gruppen gründen oder die Bewegung auf andere Weise unterstützen. Damit wurde aus einem gesellschaftlichen Problem ein gemeinsames politisches Anliegen.
Politische Beteiligung muss nicht im Parlament stattfinden
Ein wichtiger Teil unseres Projekts beschäftigte sich deshalb mit der Frage, was politische Partizipation eigentlich bedeutet.
Wenn wir an politische Beteiligung denken, kommen uns wahrscheinlich zuerst Wahlen, Parteien oder politische Ämter in den Sinn. In der Forschung wird allerdings auch zwischen konventionellen und unkonventionellen Formen politischer Partizipation unterschieden. Demonstrationen gehören beispielsweise zur unkonventionellen politischen Beteiligung. Und genau hier setzt Fridays for Future an.
Die Bewegung hat eine sehr niedrigschwellige Form der Beteiligung geschaffen: Man musste weder Mitglied einer Partei sein noch ein politisches Amt übernehmen. Man konnte einfach zu einer Demonstration gehen. Das klingt zunächst banal. Ist es aber nicht.
Denn politische Beteiligung braucht nicht nur ein Thema, das Menschen wichtig finden. Sie braucht auch das Gefühl: Ich kann etwas tun. Und genau dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit fand ich bei Fridays for Future besonders interessant.
Die Macht der Vielen
Eine einzelne Person kann mit einer politischen Forderung schnell überhört werden.
Hunderttausende Menschen auf der Straße sind deutlich schwerer zu ignorieren.
Die Mobilisierung war deshalb ein zentraler Bestandteil von Fridays for Future. Die Bewegung hat es geschafft, viele Menschen hinter einem relativ klaren und überparteilichen Anliegen zu versammeln: mehr Klimaschutz und eine Begrenzung der Erderwärmung.
Dabei entstand etwas, das politische Kommunikation besonders wirksam machen kann: ein gemeinsames Gefühl von „Wir“. Worte wie „gemeinsam“, „uns“ oder „solidarisch“ schaffen nicht nur Information. Sie können Zugehörigkeit erzeugen. Und genau hier beginnt für mich die spannende Verbindung zwischen politischer Partizipation und Kommunikation. Denn Menschen müssen nicht nur überzeugt sein, dass ein Thema wichtig ist. Sie müssen sich auch angesprochen fühlen.
Kommunikation macht aus einem Thema eine Bewegung
Für unseren Podcast habe ich mich deshalb intensiver mit der Kommunikation von Fridays for Future beschäftigt. Dabei ist mir aufgefallen, wie professionell die Kommunikation der Bewegung bereits damals wirkte. Ein einheitliches Erscheinungsbild, wiedererkennbare Botschaften, unterschiedliche Social-Media-Kanäle, Pressearbeit, Veranstaltungen und verschiedene Formate sorgten dafür, dass die Bewegung sowohl nach außen als auch innerhalb ihrer Unterstützer:innen kommunizieren konnte.
Besonders spannend fand ich dabei die Rolle sozialer Medien.
Instagram, YouTube & Co. waren für Fridays for Future nicht einfach zusätzliche Kanäle. Sie ermöglichten es, Informationen schnell zu verbreiten, Menschen zu vernetzen und vor allem: Mobilisierung direkt aus der Kommunikation heraus zu organisieren. Ein Beitrag konnte nicht nur informieren. Er konnte gleichzeitig dazu auffordern, eine Demonstration zu besuchen, einen Inhalt zu teilen, sich einer lokalen Gruppe anzuschließen oder selbst aktiv zu werden. Kommunikation und Partizipation lagen dadurch sehr nah beieinander.
Nicht nur was gesagt wird, sondern wie
Bei der Analyse der Kommunikation haben wir uns auch mit Begriffen wie Framing, Priming und Agenda-Setting beschäftigt:
Framing beschreibt vereinfacht gesagt, dass Informationen immer in einen bestimmten Deutungsrahmen eingebettet werden. Schon die Wahl eines Begriffs kann beeinflussen, wie wir ein Thema wahrnehmen. Ob wir beispielsweise von „Klimawandel“, „Klimakrise“ oder „Klimakatastrophe“ sprechen, erzeugt unterschiedliche Vorstellungen von Dringlichkeit und Handlungsmöglichkeiten. Auch Bilder spielen dabei eine Rolle: Fotos von Waldbränden, Überschwemmungen oder Demonstrationen transportieren nicht nur Informationen. Sie können Emotionen auslösen und bestimmte Assoziationen verstärken.
Priming setzt noch etwas früher an. Bestimmte Begriffe, Bilder oder wiederkehrende Themen können dazu beitragen, dass bestimmte Gedanken und Bewertungen leichter aktiviert werden. Wenn in der Kommunikation beispielsweise immer wieder von „Krise“, „Gefahr“ oder „Kämpfen“ gesprochen wird, wird das Thema Klimaschutz stärker mit Dringlichkeit, Bedrohung und Handlungsdruck verbunden. Begriffe wie „gemeinsam“, „solidarisch“ oder „uns“ können wiederum ein Gefühl von Gemeinschaft und eigener Beteiligung ansprechen.
Und dann gibt es noch das Agenda-Setting: Vereinfacht gesagt geht es darum, welche Themen überhaupt öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Medien und politische Akteur bestimmen nicht unbedingt, was Menschen denken – sie können aber beeinflussen, worüber Menschen nachdenken. Genau hier fand ich Fridays for Future besonders spannend. Die Bewegung hat es geschafft, Klimaschutz mit großer Sichtbarkeit auf die öffentliche Agenda zu setzen. Durch Demonstrationen, Social-Media-Kommunikation, Pressearbeit und andere Aktionen wurde das Thema immer wieder aufgegriffen und damit auch für Medien, Politik und Öffentlichkeit relevant.
Fridays for Future hat also nicht nur eine Botschaft verbreitet. Die Bewegung hat gleichzeitig Themen gesetzt, Deutungsrahmen geschaffen und bestimmte Assoziationen aktiviert.
Social Media als Verstärker
Fridays for Future war außerdem ein gutes Beispiel dafür, wie stark politische Kommunikation mittlerweile mit digitalen Medien verbunden ist. Social Media kann informieren, vernetzen und mobilisieren. Gleichzeitig entscheidet aber nicht nur der Absender darüber, welche Inhalte Menschen sehen. Algorithmen, persönliche Interessen und bestehende Netzwerke beeinflussen, welche Informationen bei uns ankommen.
Das bedeutet: Eine erfolgreiche digitale Kommunikationsstrategie kann Aufmerksamkeit schaffen – sie kann aber gleichzeitig auch dazu beitragen, dass wir vor allem Inhalte sehen, die zu unseren bisherigen Ansichten passen.Gerade deshalb fand ich einen Gedanken aus unserem damaligen Projekt besonders wichtig: Medieninhalte sollte man nicht einfach nur konsumieren, sondern auch hinterfragen.
Wer spricht hier?
Welche Perspektive wird gezeigt?
Welche Begriffe werden verwendet?
Was wird besonders hervorgehoben – und was vielleicht nicht?
Und vor allem: Was soll ich nach dieser Botschaft eigentlich denken oder tun?
Was ich aus dem Projekt mitgenommen habe
Heute würde ich die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt ungefähr so zusammenfassen:
1. Politische Beteiligung braucht Möglichkeiten zur Beteiligung.
Ein Thema allein bringt Menschen noch nicht unbedingt dazu, aktiv zu werden. Es braucht konkrete Möglichkeiten, sich einzubringen – und das Gefühl, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann.
2. Mobilisierung ist Kommunikation.
Wer Menschen für ein gemeinsames Anliegen gewinnen möchte, muss nicht nur informieren. Gute Mobilisierung schafft Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit und eine Vorstellung davon, was man selbst beitragen kann.
3. Social Media verändert politische Beteiligung.
Digitale Plattformen machen es einfacher, Menschen zu erreichen, zu vernetzen und kurzfristig zu mobilisieren. Gleichzeitig verändern Algorithmen und Plattformlogiken die Bedingungen, unter denen politische Kommunikation stattfindet.
4. Kommunikation ist nie vollkommen neutral.
Jede Auswahl ist auch eine Entscheidung: welches Bild, welcher Begriff, welche Geschichte und welche Perspektive gezeigt wird. Das gilt für politische Bewegungen genauso wie für Unternehmen, Medien oder Organisationen.
5. Eine Bewegung braucht irgendwann mehr als Aufmerksamkeit.
Spannend fand ich auch die Entwicklung von Fridays for Future selbst: Aus einer spontanen Protestform entstand zunehmend eine organisierte Bewegung mit Strukturen, verschiedenen Gruppen und professioneller Kommunikation.
Damit stellte sich für uns schon damals die Frage: Was passiert, wenn aus Protest eine Institution wird? Wie viel Spontanität bleibt erhalten? Wie organisiert man eine Bewegung dauerhaft? Und wie verhindert man, dass aus einer klaren Botschaft irgendwann eine zu komplexe Organisation wird?
Zum Projekt
Das Projekt entstand 2022 im Rahmen meines Studiums und beschäftigte sich mit der Frage:
Inwiefern tragen Bewegungen wie Fridays for Future dazu bei, Politik und Bürger:innen zu adressieren und zu aktivieren? Luca und ich haben uns dabei aus zwei Perspektiven mit der Bewegung beschäftigt: politische Partizipation und politische Kommunikation. Das Ergebnis war ein Podcast, in dem wir theoretische Inhalte, Stimmen von Aktivist:innen und ein Interview miteinander verbunden haben.




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